Texte zur Arbeit
von Stefan à Wengen,
Dr. Ulrike Groos

und Carl Friedrich Schöer


TEXTE ZUR ARBEIT

arbeitsreihe
continuity pieces

Installationen

zeichnungen

projekt
sketch matinee

Institut für
skulpturelle Peripherie

Ausstellungen

Vita

Die meist kleinformatigen Zeichnungen von Friederike Schardt erscheinen dem Betrachter zunächst wie persönliche und gleichzeitig rätselhafte Pläne. Dergestalt unterliegt Schardts Zeichnungen stets der Impetus des Intimen zugrunde; Zeichnungen werden oft als Skizzen oder Vorstudien verstanden, deren Gehalt vermeintlich weniger Verantwortung gegenüber dem ausgeführten, zuvor durch Zeichnung geplanten Werk, unterworfen ist.
Genau diese Offenheit, die gleichsam durchlässig erscheinende, auf ein Blatt Papier reduzierte grazile Materialität, die die Basis eines stetig sich verändernden und weiterführenden Denkens darstellt, wird oft unterschätzt, gar unterschlagen, bedingt doch aber geradezu ihre enorme und eigenständige Qualität.
Die nun meist wie geometrisch gezeichnete Rorschach-Tests wirkenden Zeichnungen Friederike Schardts sind autarke Werke, obgleich sie sich mitunter auf ihre raumfüllenden Konstruktionen beziehen mögen oder als solche gelesen werden können.
Ihre feingliedrigen Liniengebilde scheinen sich jedoch bisweilen auch auf aufgefaltete Formelemente zu stützen, deren plan gepresste Fasson wie fremde und zurück geknickte Körpergebilde wirken. Die in der 30er Jahren des letzten Jahrhunderts geschaffenen geometrischen Zeichnungen Paul Klees drängen sich als Vergleiche auf. Sie sind als Planzeichnungen ähnlich intim und rätselhaft wie jene Friederike Schardts, zeugen sie doch von einer vermeintlich nie umgesetzten Formenwelt, die als solche auf dem Papier bereits ihre Gültigkeit beweisen.
Schardts Planzeichnungen, mögen sie sich mitunter auf ihre oszillierenden Zeichnungen im Raum beziehen, sind in ihrer sensiblen und durchlässigen Eigenständigkeit nicht nur enigmatisch intim und äußerst verbindlich, sondern sind in ihrer Gradlinigkeit auch höchst poetisch.

Friederike Schardt, 1970 in Lemgo geboren, studierte zunächst von 1995 bis 1998 Philosophie und Germanistik an der Universität Duisburg, von 1998 bis 2001 in der Filmklasse an der Kunstakademie Münster. Ihr Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Merz und Daniel Buren von 2001 bis 2003 schloss sie 2003 als Meisterschülerin bei Daniel Buren mit Examen ab.

Friederike Schardt lebte und arbeitete bis vor kurzem in Düsseldorf. Ende letzten Jahres zog sie mit ihrer Familie nach Wuppertal.

Stefan à Wengen, 2014

 



Friederike Schardt sucht sich ungewöhnliche Orte für die Inszenierung ihrer aktuellen
Arbeiten, die sie continuity pieces nennt: Unterführungen, Kirchen, Treppenhäuser
oder Kellerräume. Mithilfe eines einzigen Nylonfadens, der in gleichmäßigem Auf und Ab
zwischen Boden und Decke gespannt wird, schafft sie ein fragiles, fast transparentes
Gewebe, das den Raum rhythmisiert. Es gibt hier kein Gegenüber im klassischen Sinne
von Betrachter und statischem Objekt, eher eine Abfolge von Sequenzen, die für unser
Sehen in jedem Moment eine Herausforderung darstellt: Der Betrachter nimmt die Arbeit
nur wahr, indem er auch gleichzeitig den Umraum wahrnimmt, er schaut auf etwas und
gleichzeitig durch etwas hindurch. Die Fadenfolge funktioniert wie eine Membran, die
Beziehungen zwischen uns und dem Raum, zwischen Vorder- und Hintergrund herstellt,
die teilt und verbindet gleichzeitig.

Auch in anderen Arbeiten beschäftigen die Künstlerin Fragen der Orientierung und der
dazu notwendigen Koordinaten: der Bewegung im Raum also und der Definition von
Bezugslinien. So arbeitet sie etwa mit den Umrissen von U-Bahn-Plänen, aus denen
Bleistiftzeichnungen, Wand- und Bodenarbeiten entstehen. Ihre nur scheinbar
willkürlichen Formen verweisen auf die abstrakte Raumvorstellung solcher Pläne:
Die Standortbestimmung innerhalb des Liniennetzes ist eindeutig, erlaubt jedoch nicht,
sich im Dreidimensionalen zu verorten.

Friederike Schardt arbeitet in einer Tradition des künstlerischen Eingriffs in den Raum,
mit dem Skulptur seit den späten Siebzigerjahren weniger in den traditionellen
Kategorien von Material, Masse, Volumen, Proportion erfasst wurde, sondern eher als
ein Ort der Erfahrung des Betrachters - von Innen und Außen, von Bewegung, Richtung
und Wahrnehmung - verstanden wurde. Ihre continuitiy pieces setzen neue Koordinaten
für den Raum. Die streng ausgeloteten Verspannungen wirken wie Schnitte, bei aller
Fragilität des Materials mit der Präzision eines chirurgischen Eingriffs geführt. Raum
wird auf diese Weise als Körper verstanden, als ein Volumen, das als solches künstlerisch
bearbeitet werden kann.


Dr. Ulrike Groos, Düsseldorf 2008






Das Erstaunliche an den Arbeiten Friederike Schardts ist - bei aller Reduktion und
Strenge - ihr formaler Reichtum und die Vielfalt an Betrachtungsebenen, die sie öffnen.

Die Arbeiten entstehen "vor Ort", nehmen sich der Besonderheiten des Raumes an und
reagieren mit minimalistischen Eingriffen in situ auf die vorgefundenen Situation.
Streng, leicht und einfach spannt sich ein dünnes, synthetisches Seil durch den Raum,
umspielt eine Raumecke oder verkleidet eine Wand.

Es entstehen eigenartig oszillierende Zeichnungen im Raum, die gleichzeitig als Skulpturen
wie auch als Rauminstallationen erlebt werden können. Schardt benutzt, wie schon die
Pop Art, handelsübliche, industriell gefertigte Massenware, um ihre zeichnerischen Raumskulpturen zu fertigen. Aber anders als die Pop Art will sie kein Bild erstellen, keine
Ikone zeigen, sondern den Raum mit einem (differenziert farbigen) Seil durchdringen
und transformieren. Durch wenige, präzise gesetzte Eingriffe, ein fast unsichtbares, gespanntes Seil, wird der Raum in eine andere Qualität versetzt. Das Licht verfängt sich
in den Linien und Strängen dieses Seils, wird vielfach gebrochen und reflektiert. Der Raum
erscheint lucide und wundersam erhellt.
Der künstlerische Eingriff bleibt betont minimalistisch, die Wirkung erscheint um so
verblüffender. In der Beschränkung auf nur ein durchgehendes Seil (die Befestigungen
an Boden und Decke bleiben unsichtbar) gelingt eine stringente Paraphrase und
Transformation traditioneller und schon verfestigter Kunstformen.

Die Arbeiten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Eigenständigkeit aus und erweitern
die Tradition der Minimal Art und der Rauminstallationen um eine ungewöhnliche
Möglichkeit.

Carl Friedrich Schröer 2008